Debüt des E-Transporters Mercedes-Benz LE 306 im Jahr 1972

„Mercedes-Benz – Umweltfreundlich durch Elektro-Antrieb“ stand auf der Seite des Mercedes-Benz LE 306. Premiere feierte der elektrisch angetriebene Leichttransporter mit Akku-Wechselsystem 1972 in Brüssel.

In der belgischen Hauptstadt wurde der E-Transporter vom 13. und 14. März 1972 beim Symposium „Electric Vehicle Study Days“ des Internationalen Verbands der Elektro-Versorgungsunternehmen UNIPEDE (Union Internationale des Producteurs et Distributeurs d’Énergie Électrique) der Fachwelt präsentiert.

Die Fachzeitschrift „Lastauto Omnibus“ teilte im Heft 4 des Jahres 1972 mit, worin über den in Brüssel vorgestellten Prototypen berichtet wurde: „Der Mercedes-Transporter mit E-Antrieb unterscheidet sich von den Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren nur unwesentlich. Die Bedienung ist einfacher als bei einem Fahrzeug mit Getriebeautomatik.“ Kritisch betrachtete die Zeitschrift seinerzeit noch die Reichweite und die Kosten für die Batterietechnik. „Unserer Auffassung nach steht und fällt der Elektroantrieb mit der Entwicklung neuer Energiespeicher“ , heißt es 1972. Schließlich sind die verwendeten Bleibatterien noch eng verwandt mit den elektrischen Speichern, wie sie rund 70 Jahre zuvor Anfang des 20. Jahrhunderts in Elektrofahrzeugen verwendet werden.

Im Sommer des gleichen Jahres rückte der LE 306 zudem in den Blick der Weltöffentlichkeit. Denn bei den Olympischen Spielen 1972 wurde eine Flotte der Versuchsfahrzeuge in München eingesetzt. Wenig später folgte darüber hinaus ein Großversuch mit insgesamt 58 Fahrzeugen. Bei diesem Versuch arbeitete Mercedes-Benz mit der Gesellschaft für elektrischen Straßenverkehr (GES) zusammen, die Anfang der 1970er-Jahre von RWE gegründet wurde.

Bei der Entwicklung des elektrischen Transporters von Mercedes-Benz halfen die Industriepartner Kiepe (elektronische Steuerung) und Varta (Batterie). Basisfahrzeug für den LE 306 war der Transporter, den die Stuttgarter serienmäßig mit Ottomotor (L 207 und L 307, 52 kW/70 PS) sowie mit Dieselmotor (L 206 D und L 306 D, 44 kW/60 PS) anboten. Mercedes-Benz hatte diesen Leichttransporter nach der Übernahme von Hanomag-Henschel durch die damalige Daimler-Benz AG in das eigene Modellprogramm integriert.

Der LE 306 mit einer Tonne Nutzlast wurde von einem „fremderregten Gleichstrom-Nebenschlussmotor mit 35 bis 56 kW Leistung“ angetrieben. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei 80 km/h. Der E-Motor erhielt seine Energie aus einer 860 Kilogramm schweren Batterie mit einer Spannung von 144 Volt und einer Kapazität von 22 kWh. Zwischen 50 und 100 Kilometer sollten mit dem chemischen Speicher möglich sein. 

Eine Besonderheit des E-Transporters war sicherlich das Akku-Wechselsystem: Durch eine seitlich zwischen den Achsen angebrachte Klappe ließ sich der unter der Ladefläche angebrachte Batteriesatz auf der einen Seite im Handumdrehen herausziehen, während auf der anderen Seite zugleich ein neuer Satz eingeführt wurde. „Das dauert nicht länger als ein normaler Tankvorgang“, hieß es in einem Prospekt von Mercedes-Benz aus dem Jahr 1974. In Betriebspausen konnte die Batterie im Fahrzeug aber auch direkt aufgeladen werden. 

Den elektrischen Antrieb entwickelte Mercedes-Benz nach dem LE 306 in verschiedenen Fahrzeugtypen weiter. Darunter befanden sich auch immer wieder Transporter: Auf dem T 1 basierten der Posttransporter 307 E (1980) mit 1,45 Tonnen Nutzlast und 70 Kilometer Reichweite sowie das Kommunalfahrzeug 308 E (1988). Der MB 100 E (1992) wurde in einem Feldversuch auf der Ostseeinsel Rügen mit verschiedenen Batteriesystemen (Natrium-Nickelchlorid, Natrium-Schwefel, Nickel-Cadmium) getestet und ab 1994 mit Blei-Gel-Batterien angeboten. Doch auch die Reichweiten der E-Lieferwagen von Mercedes-Benz stiegen mit jedem Entwicklungsschritt. Aber dazu im Laufe der nächsten Artikel mehr. 

Dieser Artikel ist Teil einer neuen Artikelserie auf Saving-Volt, welche sich mit der Geschichte der Elektromobilität beschäftigt. Ziel ist es, Modelle jeglicher Fahrzeugkategorien aus der Vergangenheit vorzustellen. Denn schon die ersten Fahrzeuge fuhren rein elektrisch. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es beispielsweise in den USA fast doppelt so viele Elektrofahrzeuge wie Benziner. Erst mit dem elektrischen Anlasser für den Ottomotor in 1911 änderte sich dies schlagartig. Die genaue Geschichte hatte ich bereits vor einigen Jahren in diesem Artikel zusammengetragen. Und jetzt wird daraus eine ganze Artikelserie.

Alle Beiträge zur Geschichte der Elektromobilität

3. Mai 2020  |  DanielB

2 Kommentare

  1. Danke, schöner Artikel!
    Kannte das erste Foto noch aus einer meiner Vorlesungen :)

    Was die Entwicklung von alternativen Antrieben anging, war Daimler schon immer früh dran, sowohl bei BEVs als auch bei FCEVs. Nur bei der (Groß-)Serienumsetzung hat es immer ein wenig gehapert…

    Viele Grüße
    Marcus

  2. Interessanter Artikel! Ich wusste nicht, dass es eine solche Geschichte gibt. Danke, dass Sie darüber geschrieben haben. Ich hoffe, in Zukunft mehr aus Ihrem Blog zu lesen.

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