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Reichweitenangst beim Elektroauto – in der Praxis teilweise unberechtigt

Reichweitenangst beim Elektroauto – in der Praxis teilweise unberechtigt

21. Dezember 2016

Einer der großen Mythen beim Elektroauto ist die berüchtigte „Reichweitenangst“. Sie hält sich hartnäckig in den Köpfen der Gesellschaft. Zumeist ist diese Angst jedoch unberechtigt, wie sich in der Praxis zeigt. 

Die Forderungen nach mehr Reichweite bei den Elektroautos ist groß. Das Vorbild „Model S“ von Tesla wird in diesem Zusammenhang genannt und mittlerweile können Renault mit der neuen ZOE und Opel mit dem Ampera-e mithalten. Eine Notwendigkeit herrscht in vielen Einsatzzwecken allerdings nicht.

Im Alltag gehören solche möglichen Distanzen eher der Seltenheit an. Hierfür existieren etliche Studien die maximale Wege von unter 100 Kilometer am Tag für den größten Teil aufzeigen. Sicher, was wäre wenn wirklich einmal eine längere Distanz benötigt würde? Egal wie groß die Reichweite der Elektroautos wird, die zwar die „Angst“ besänftigen könnte, sich dieses Spiel aber ins Unermessliche ausweiten lässt.

Woher kommt der Wunsch nach mehr Reichweite?

Bei vielen der von mir geführten Gespräche zur Elektromobilität, sind es vor allem die Fragen „Aber, wenn ich wirklich mal in die Stadt X oder nach Y fahren muss? Wenn die Oma in Buxtehude meine Hilfe benötigt? Ein Notfall eintritt oder wir in den Urlaub fahren möchten?“, welche herauszuhören sind.

strecke-weg-fahrt-beruf

Wir sind es schlicht und ergreifend gewohnt innerhalb von wenigen Minuten das Fahrzeug wieder zu betanken und die nächsten paar hundert Kilometer fahren zu können. Diese Erwartungshaltung kann ein Elektroauto jedoch nicht erfüllen. Die Angst, über zu wenig Restreichweite oder generelle Reichweite zu verfügen überwiegt bei der Vorstellung, die gewünschten Ziele nicht rechtzeitig oder überhaupt nicht erreichen zu können. Klar, ein Elektroauto kann dieser Gewohnheit, zumindest nicht die batteriebetriebenen, gerecht werden.

Aufgrund dessen wird die Alltagstauglichkeit häufig in Frage gestellt. Der Großteil scheint also Elektroautos erst dann für sich als interessant zu empfinden, wenn diese tatsächliche Reichweiten von 300 bis 400 Kilometer oder gar mehr erreichen würden. Dabei ist vor allem die große Masse zu betrachten, die nicht im Preissegment der oberen fünf- bis sechsstelligen Summen unterwegs ist. Und damit sind keine theoretischen Werte gemeint.

Wie sieht dies in der Praxis aus? Ein Praxisbeispiel aus dem ländlichen Raum

Meine tägliche Strecke von Schwalmstadt nach Marburg betrug rund 45 Kilometer und die Topographie zeigt zumindest wenige Höhenmeter die es zu überwinden gilt. Der Großteil der Fahrstrecke findet auf Bundestrassen statt. Lkws sind es, die auf dieser Strecke regelmäßig vor einem zwischen 60 und 80 km/h fahren. Drängler sind hier keine Seltenheit, verstanden haben sie allerdings nicht, dass es nichts bringt.

Eben aufgrund der Situation der Lkws auf die man verlässlich trifft. Ein Elektroauto fühlt sich übrigens besonders wohl bei gleichbleibender Geschwindigkeit und vor allem in der Region zwischen 80 und 100 km/h konnte ich gute Reichweiten erzielen. Zeitersparnis auf dieser Distanz? Kaum vorhanden in Anbetracht der Gesamtsituation.

Den Nissan LEAF habe ich auf dieser Pendlerstrecke bereits mit der 1. Generation und 2. Generation regelmäßig fahren dürfen. Kam die 1. Generation (japanische Version) noch auf eine NEFZ-Reichweite von 170 Kilometer, schaffte die 2. Generation mit ihrer 24 kWh-Batterie bereits 199 Kilometer. Täglich galt es 90 Kilometer zu überbrücken, mal alleine und mal mit bis zu vier Personen.

nissan-leaf-2016

Häufig musste ich für das Training nach der Arbeit in das rund 20 Kilometer entfernte Stadtallendorf fahren. Also erst zurück nach Schwalmstadt und anschließend wieder in die andere Richtung. Mit dem LEAF der 2. Generation war dies sicherlich schon grenzwertig, weshalb ich ihn zuhause an der Steckdose zumindest nochmal zwei Stunden laden ließ. Über Nacht konnte ich das Elektroauto an unserer öffentlichen Rotkäppchen-Ladesäule laden, gut gerüstet für den nächsten Tag.

Dennoch blieb aber immer eine geringe „Restangst“ bestehen, denn diese beiden Strecken an einem Tag zu absolvieren, war bereits eine grenzwertige Situation. Ein geübter Elektroautofahrer kann damit leben und vor allem auch umgehen. Man muss dazu sagen, dass über die Haushaltssteckdose mit max. 2,3 kW geladen werden kann, das Notladekabel ist mit 10 Ampere abgesichert. Mit einer Wallbox wären immerhin 3,3 kW möglich gewesen. Bezieht sich auf die zwei Stunden zwischenladen. Auf alle einzelnen Hersteller die es noch so gibt könnte ich jetzt eingehen, aber dies würde den eh schon sehr langen Artikel sprengen.

Neue Generationen, mehr Reichweite und die Angst sinkt

Mit der 3. Generation vom Nissan LEAF, die seit Frühjahr verfügbar ist, konnte ich erneut diese Pendlerstrecke fahren. So lässt sich gut erkennen was größere Batterien bei gleichem Fahrzeug für Auswirkungen haben. Die Batterie besitzt mittlerweile eine Kapazität von 30 kWh und erlaubt laut NEFZ bis zu 250 Kilometer Reichweite. Keine große Steigerung, ein Quantensprung sieht anders aus und im Vergleich zum restlichen Markt zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr an der Spitze.

Dennoch sinkt die „Angst“ spürbar und das mulmige Gefühl ist nicht mehr da. Auch wenn ich vorher schon gut mit dem Auto zurecht kam. Und bevor jemand fragt, ich habe die 2. Generation im Winter gefahren.Berufsverkehr, Topografie und Witterungsbedingungen sind nicht zu vernachlässigen. Verwundert also nur wenig, dass natürlich zweimal die Strecke nicht zwingend gefahren werden kann. Aber 1,5 mal sind drin und mittlerweile kann bekanntlich beim Arbeitgeber geladen werden, ohne den geladenen Strom versteuern zu müssen.

Dieses Gefühl nach Feierabend allerdings zuhause anzukommen und noch genügend Restreichweite zu besitzen, ist ein spürbar angenehmes Gefühl. Im Schnitt habe ich, für die Dateninteressierten, zwischen 25 und 33 Prozent nach Batterieanzeige benötigt. Ja, obwohl man sich mit Elektroautos auskennt und sich die eigene Mobilität verändert, bedeutet mehr Reichweite eben doch auch mehr Freiheit. Aber, um das noch einmal zu sagen, wirkliche Reichweitenangst hatte ich nie. Man beginnt mit dem Auto zu arbeiten, im Notfall alternativen zu finden und irgendjemand im Freundes-, Familien- oder Bekanntenkreis hat immer ein Auto frei.

bmw-i3

Neben dem Nissan LEAF erhielt der BMW i3 ebenfalls eine geringfügig größere Batterie, beide Hersteller bieten ihre Modelle zusätzlich noch mit der kleinen Kapazität noch an. Volkswagen belässt es beim e-up!, wie smart beim electric drive, mit der bisherigen Batterie und der Golf darf sich, ebenfalls über zumindest ein paar Kilometer mehr freuen.

renault zoe

Auf dem Pariser Autosalon stellte Renault die ZOE mit deutlich mehr Reichweite vor und Opel präsentierte mit dem Ampera-e ebenfalls ein Elektroauto mit enormer Reichweite.Sie setzen neue Spitzenwerte von theoretisch 400 bzw. 500 Kilometer an und lassen damit die obigen Hersteller hinter sich.

Notwendigkeit der Reichweite im Alltag gegeben?

Die „Was wäre wenn…“-Situationen spielen sich in den Köpfen vieler ab. Was wenn ich wirklich mal 200 Kilometer im Notfall fahren muss oder ich in den Urlaub möchte? Die Fragen sind berechtigt doch hier gibt es Lösungen. Der Mensch ist von Natur aus bequem und gewöhnt sich schnell an etwas. Natürlich ist es ein Unterschied ob ich zur nächsten Tankstelle fahre und weitere 600 bis 800 Kilometer komme, oder ich an einer Ladesäule mir mindestens 30 Minuten die Füße in den Bauch stehe um deutlich weniger Kilometer zurücklegen zu können.

Wir sprechen hier aber häufig von Ausnahmesituationen und bei einer Ausnahme kann ich auch ausnahmsweise mir einen Leihwagen zulegen oder ich finde andere Möglichkeiten mobil zu sein. Im Alltag sind die enormen Reichweiten häufig nicht notwendig, auch – muss ich ehrlich zugeben – wenn mehr Reichweite ein Gefühl der größeren Freiheit vermittelt.

Eine Änderung ist notwendig in den Köpfen, Mobilität muss sich verändern, flexibler werden und der Mensch als solches von seinen bisherigen Gewohnheiten vielleicht mal Abschied nehmen. Eine Verallgemeinerung möchte ich aber mit diesem Artikel nicht anstreben, vielleicht den ein oder anderen mehr zum Nachdenken bewegen. Genauso wie akzeptiert werden sollte, dass eben noch nicht für jeden Elektromobilität etwas ist. Aufklärung aber wichtig ist und der Einzelfall für oder gegen ein Elektroauto spricht. Die Unwissenheit in den Köpfen und falsche Verbreitung von bzw. deutlich fehlerhafte Informationen solche teilweise unnötigen „Ängste“ schüren.

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